Prof. Dr. Jürgen Manemann spricht im Markus Nachtcafé
Die ökologische Katastrophe gefährdet die Grundfesten unserer planetaren Existenzbedingungen. Angesichts der dadurch verursachten Zerstörungen plädiert der Philosoph Jürgen Manemann für eine rettenden Umweltphilosophie, die den Blick für Utopisches schärft.
Prof. Dr. Jürgen Manemann ist Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover. Im MARKUS Nachtcafé am 21.November 25 sprach er über "die Stille". Hier sein Gedankenimpuls zum Nachlesen.
Gedankenimpuls
im Anschluss an die Aufführung
„Drei kleine Stücke op.11 für Violoncello und Klavier“ von Anton Webern (1883-1945)
beim MARKUS Nachtcafé veranstaltet von musica assoluta1
Der Philosoph Theodor W. Adorno hat es auf den Punkt gebracht: Der Komponist Anton Webern entlässt uns ins Schweigen.2
Dieses Schweigen erzeugt eine Stille, aber keine Stille, die uns warm ums Herz werden lässt. Die Stille, die wir erfahren, haben wir nicht gesucht. Diese Stille kam unverhofft über uns, und zwar als ein „Schreck wegen der schockierenden Kürze“3. Anton Webern versetzt uns in die Stille und zwingt uns zum Schweigen.
Dieses Schweigen unterscheidet sich von dem Schweigen, das wir alle zu genüge kennen: Schweigen aus Gleichgültigkeit, Schweigen aus Komplizenschaft mit herrschenden Verhältnissen.
Die Stille, in die Webern uns versetzt, ist anders – und auch das Schweigen, in das er uns entlässt, ist anders.
Diese Stille ist laut. Und das Schweigen, das sie erzeugt, erzwingt Hören, genauer: Zuhören.
Es ist die Stille, in der stumme Schreie vernehmbar werden – Schreie, die nicht zu hören, aber zu erahnen sind: Die stummen Schreie der Misshandelten, die stummen Schreie die Einsamen. Die stummen Schreie geschundener nicht-menschlicher Kreaturen. Wer ihnen in die Augen blickt, hört ihre inneren Schreie. Die stummen Schreie der Bäume, die vor uns nicht weglaufen können. Wir alle hören, wie der Frühling von Jahr zu Jahr stummer wird.
Von Anton Webern lernen heißt, den Mut aufzubringen zu dieser Stille – zu dieser lauten Stille. Vor dieser Stille haben wir Angst. Und das ist nur allzu verständlich. Diese Stille überfordert uns als Einzelne. Aber hier, zusammen mit anderen, können wir sie aushalten.
Wer den Mut zu dieser Stille aufbringt, beginnt zu schreien, genauer anzuschreien: anzuschreien gegen die Umstände und Zustände, die uns unsere Humanität rauben. Der Schrei, der aus der Stille hervorgeht, verbindet uns mit anderen Menschen, auch mit andere Kreaturen - und nicht zuletzt mit G-tt.
Denken wir an den Propheten Elija4: Die G-ttheit sprach zu ihm: „‚Geh hinaus uns stell dich auf den Berg vor das Angesicht der Ewigen, denn die Ewige wir vorüberziehen!‘ Und es kam ein großer starker Wind im Angesicht der Ewigen auf, der Berge abriss und Felsen zerschmetterte – doch im Wind war die Ewige nicht. Und dem Wind folgte ein Beben – doch im Beben war die Ewige nicht. Und dem Beben folgte Feuer – doch im Feuer war die Ewige nicht: Dem Feuer folgte“ – wie der Philosoph Martin Buber übersetzt – „eine Stimme verschweben- den Schweigens“5.
G-tt erscheint als „Stimme verschwebenden Schweigens“. Und es gibt noch einen weiteren, vielen nicht bekannten, mystischen Namen für G-tt. Die evangelische Theologin Dorothee Sölle erinnert an diesen Namen in ihrem Buch „Mystik und Widerstand“: „Du stilles Geschrei“.6 Dieser Name G-ttes, so Sölle, steht für eine G-ttheit, die ihre „Macht nicht auf Herrschaft und Befehl gründet.“7 Dieser Name G-ttes lehrt uns, das Geschrei „im Grunde der Welt zu hören.“8
Der Schrei ist eine Verneinung dessen, was ist – eine Verneinung, die sich zur Empörung steigern kann. Es ist kein Zufall, dass der Widerstandskämpfer, Bu- chenwald-Überlebende und Diplomat Stéphane Hessel sein Plädoyer mit dem Imperativ „Empört Euch!“ als Titel überschrieben hat. Wenn er dort formuliert „Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen“9, so ist dies kein Aufruf zur zerstörerischen Gewalt, sondern vielmehr ein Weckruf, aus politischem Fatalismus und politischer Apathie aufzuwachen. Sich zu empören heißt, die Augen zu öffnen und Leid zu erkennen. In diesem Akt fallen Empörung, Widerstand und Würde zusammen. Das kommt im Französischen deutlich zum Ausdruck: „Indignez-Vous!“ Darin schwingt das Wort „Würde“ bereits mit. Das heißt: Wer widerständig ist, wird sich seiner Würde bewusst. Empörung ist daher bei Hessel gerade kein Aufruf zum „Wutbürger*innentum“, sondern zur Verteidigung der eigenen Würde.10
Auch für die französische Philosophin Simone Weil ist der Schrei zentral. Im Schrei ereignet sich für sie „reine, nackte Wirklichkeit“11. Der Schrei beinhaltet aber mehr als Schmerz, er enthält die Forderung der Veränderung der Welt. Für Weil ist der Schrei „nicht nur Ausdruck eines Bereichs, der dem Politischen vo- rausgeht, sondern gleichfalls (...) der Ruf nach einer anderen Politik – einer, die erst noch erfunden und verwirklicht werden muss.“12 Der Schrei besitzt kritisch-revolutionäres Potenzial.
Das, was wir heute Stille nennen, ist „besinnliche Stille“. Aber diese Stille hat mit der von Anton Webern geschaffenen Stille nichts gemein. Die besinnliche Stille schottet ab. Sie verspricht zeitweise Ruhe vom Lärm der Stadt. Aus Sicht der lau- ten Stille handelt es sich hier um eine pervertierte Stille. Eine Stille, die eine Sphäre gebiert, in der wir uns von der Welt zurückziehen, um mit uns und viel- leicht auch mit Gott allein zu sein. Diese Stille suchen wir, um uns Kraft holen zu wollen, um wieder in die Welt zurückzukehren. Gegen die Entspannung ist nichts einzuwenden, wir sollten uns nur nicht einreden, dass uns diese Stille zum*zur Anderen oder zu G-tt führt.
Wenn der Name G-ttes „Stilles Geschrei“ ist, dann können wir seine Stimme nur vernehmen, wenn wir in den Weltschrei einstimmen. Es scheint uns aber der Mut zu fehlen. Die Angst vor der Verzweiflung scheint übergroß. Wir sollten aber die Apathie, die Gleichgültigkeit, mehr fürchten als die Verzweiflung, denn, so hat es der Friedensnobelpreisträger und Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel gesagt: „Wenn Sie die Wahl haben, zwischen Verzweiflung und Gleichgültigkeit zu wählen, wählen Sie die Verzweiflung, nicht die Gleichgültigkeit! Denn aus Verzweiflung kann eine Botschaft hervorgehen, aber aus Gleichgültigkeit kann per definitionem nichts hervorgehen.“13
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Das Gegenteil der Stille ist nicht der Schrei, sondern die Gleichgültigkeit. Der Schrei ist die andere Seite der Medaille der Stille.
© Jürgen Manemann (Forschungsinstitut für Philosophie Hannover)
1 Zu musica assoluta: https://www.musica-assoluta.de/ (abgerufen am 21.11.25).
2 Vgl. Th. W. Adorno, Webern der Komponist, in: Merkur 3/ 1959, 201-214, 201.
3 Th. W. Adorno, Webern der Komponist, 201.
4 Über die Zeit der Königinnen und Könige. Erstes Buch, Kap. 19, 11-13, aus: U. Bail u.a. (Hg.), Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 32007.
5 M. Buber/ F. Rosenzweig, Die Schrift Bd. 2, Darmstadt 81985, 406.
66 D. Sölle, Mystik und Widerstand. „Du stilles Geschrei“, Freiburg 2014, 37.
7 D. Sölle, Mystik und Widerstand, 37.
8 D. Sölle, Mystik und Widerstand, 37.
9 S. Hessel, Empört Euch!, Berlin 52011, 21.
10 Vgl. dazu: J. Manemann, Demokratie und Emotion. Was ein demokratisches Wir von einem identitären Wir unterscheidet, Bielefeld 2019, 95.
11 S. Weil, Cahiers. Aufzeichnungen 2, München / Wien 22017, 2 184.
12 T. Vandeputte, Simone Weil: Archäologie des Politischen, in: weiter denken. Journal für Philosophie 1 /2023: https://weiter-denken-journal.de/fruehjahr_2023_simone_weil/Si- mone_Weil.php (abgerufen am 21.11.25).
13 E. Wiesel, Erinnerung gegen die Gleichgültigkeit, in: O. Schwenke (Hg.), Erinnerung als Ge- genwart. Elie Wiesel in Loccum, Freiburg 1987, 138-160, 157.Kurz zuvor sagt Wiesel: »Ich habe immer daran geglaubt, daß das Gegenteil von Liebe nicht Haß ist, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Glauben ist nicht Überheblichkeit (arrogance), sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, es ist Gleichgültigkeit.« (ebd., 157).