Inner Voice

Klangbrücken 2021

  • 08.05.21 - 17:00 Uhr,
  • Programm
  • Info
  • Tristan Murail (*1947)
    „Feuilles à travers les cloches“ (1998) für Flöte, Violine, Violoncello & Klavier

    Thorsten Encke (*1966)
    „Inner Voice“ (2015/21) für Viola sola und Elektronik

    Steingrímur Rohloff (*1971)
    „Motion“ (2006) für Schlagzeug und elektronische Klänge

    Giacinto Scelsi (1905-1988)
    „Pwyll“ (1954) für Flöte solo

    Maurice Ravel (1875-1937)
    „Ma mère l‘oye“, 1908-1911 (Bearbeitung für kleines Ensemble von Thorsten Encke)

    musica assoluta:
    Eva Ludwig. Flöte
    Ishay Lantner. Klarinette
    Eugene Shon. Klavier
    Sven Pollkötter. Schlagzeug
    Katharina Giegling. Violine
    Kari Träder. Viola
    Thorsten Encke. Violoncello & künstlerische Leitung

    Ole Bunke/Tonstudio Tessmar. Video/Aufnahme/Stream
     

     

    musica assoluta dankt den Partnern und Förderern:

    Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur
    Musik 21 Niedersachsen
    Landeshauptstadt Hannover – Kulturbüro
    Die musica assoluta Konzerte werden von der Landeshauptstadt Hannover – Kulturbüro institutionell gefördert
    Tonstudio Tessmar

  • Maurice Ravel (1875-1937)
    „Ma mère l‘oye“, 1908-1911 (Bearbeitung für kleines Ensemble von Thorsten Encke)

    „Was nicht leicht von der Form abweicht, entbehrt des Anreizes für das Gefühl – daraus folgt, dass die Unregelmäßigkeit, das heißt das Unerwartete, Überraschende, Frappierende einen wesentlichen und charakteristischen Teil der Schönheit ausmacht.“ (Maurice Ravel)
    Ravel sah sich selbst teilweise als Klassizisten und war vertraut mit traditionellen Formen und Strukturen, arbeitete aber seine eigenen neuartigen Ideen in die Harmonik und Rhythmik so kunstvoll ein, dass die Grenzen ebenjener Traditionen in seiner Musik elegant verschwimmen. Sein Gespür für subtile Klangfarben möchte musica assoluta mit der kammermusikalischen Bearbeitung von Ma mère l‘oye“ („Mutter Gans“, inspiriert von Märchenerzählungen und ursprünglich komponiert für zwei Klaviere, jedoch später vom Komponisten selbst in eine Fassung als Suite für großes Orchester umgearbeitet) ganz transparent ausleuchten, um den tröstenden Charme von vermeintlich altbekannten Sagen in neuen Konturen einzufangen und kreativ weiterzutragen.


    Tristan Murail (*1947)
    „Feuilles à travers les cloches“, 1998
    Murail, der zunächst Arabisch und Wirtschaftswissenschaften studiert hatte, war Schüler von Olivier Messiaen in Paris; weitere Inspiration gaben ihm Bekanntschaften mit Persönlichkeiten wie György Ligeti, Giacinto Scelsi und Iannis Xenakis.
    Mit dem von ihm 1973 mitgegründeten „Ensemble l‘Itinéraire“ setzte er einen kreativen Schwerpunkt auf computergestützter Musik und Live-Elektronik. Diese Techniken verband er später auch wieder mit akustischen instrumentalen Klängen, wobei er zu einem der wichtigsten Vertreter der „musique spectrale“ wurde – einer musikalische Strömung, die basierend auf Spektren wie z.B. der natürlichen Obertonreihe sich elektronische Technik zunutze machte, um solche Klangstrukturen akustisch aufzubrechen, fast wie einen Lichtstrahl im optischen Äquivalent. In dieser Hinsicht versteht die „musique spectrale“ auch durchaus Ravel als einen ihrer Vorläufer.
    „Feuilles à travers les cloches“ (Blätter durch die Glocken) zeigt dem Hörer zwei Ebenen, die miteinander agieren. Die Glocken sind erkennbar in den Akkorden im Klavier, die ihr Klangspektrum durch Geigenpizzicati erweitern; die Blätter hingegen zeigen sich in diffus raschelnden Klangbildern wie der Flatterzunge in der Flötenstimme. Vorder- und Hintergrund wechseln sich nach und nach ab.

    Steingrímur Rohloff (*1971)
    „MOTION“ für Schlagzeug und elektronische Klänge, 2006
    „Irgendjemand hat einmal gesagt, Musik sei nicht Struktur oder Gefühl (oder welches Dogma man nun an ihr ausleben wolle…) sondern, wenn überhaupt, passe der Begriff der “Bewegung” am besten.“ (Steingrímur Rohloff)
    Rohloff ist ein deutsch-isländischer Komponist und studierte in Köln und Paris. Sein Werk MOTION für Schlagzeug und elektronische Klänge ist eigens für unseren Schlagzeuger Sven Pollkötter komponiert und nimmt den Gedanken von Musik als Bewegung, der den Komponisten faszinierte, in die Konzeption seines Werks mit auf.
    Einerseits gibt es zeitliche, andererseits räumliche Bewegungsrichtungen – beide werden hier beleuchtet. Die Elektronik nimmt Teile der live gespielten Musik auf und beschleunigt sie künstlich zu einer „überschnellen Bewegung“. Außerdem breitet sich das zunächst live gespielte Material mit elektronischen Mitteln Stück für Stück im Raum aus. So wird die Elektronik zu einem erweiterten Arm, einem zusätzlichen Werkzeug des Musikers am Schlagzeug.

    Giacinto Scelsi (1905-1988)
    „Pwyll“ für Flöte solo, 1954
    Scelsi war stets darauf bedacht, wenig Details aus seinem Leben an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Er studierte Komposition und Harmonielehre in Rom und lebte in den 1920er Jahren in Paris und London. Regen Austausch hatte er zudem mit dem Kreis der französischen Surrealisten der bildenden Kunst um u.a. Salvador Dalí. Kompositorische Einflüsse bekam er zudem von Egon Köhler, einem Skrjabin-Anhänger in Genf, sowie von Walter Klein in Wien, einem Schüler Schönbergs. Später erklärte ihn das Ensemble „L‘Itineraire“ um Tristan Murail zu einem neuen „Stammvater der Avantgarde“.
    Der Hang Scelsis zu mystischen Ideen (so war er beispielsweise auch Anhänger der Reinkarnationstheorie und davon überzeugt, bereits einmal im antiken Mesopotamien geboren worden zu sein) äußert sich auch in seiner Musik. Sie findet einen geheimnisumwitterten, stetigen Fluss, manchmal beinahe bis zum Stillstand, wird aber wieder von starker Expressivität und Vehemenz durchbrochen, was den Eindruck eines lebenden Organismus erweckt.
    Zu „Pwyll“ äußerte Scelsi sich folgendermaßen:
    „‘Pwyll‘ ist ein Druidenname. Das Stück ist so verständlich, dass es keinerlei technischer Erklärung bedarf. Musik spricht für sich selbst, natürlich, aber um eine außermusikalische Interpretation zu geben: Pwyll mag vielleicht das Bild eines Priesters erwecken, der beim Sonnenuntergang die Engel anruft.“

    Thorsten Encke (*1966)
    „Inner Voice“ für Viola sola und Elektronik (2015/21)
    In „Inner Voice“ für Bratsche und Elektronik widmet sich der Komponist und künstlerische Leiter von musica assoluta Thorsten Encke dem Dialog zwischen Stille und Fluss - auch auf einer zeitlichen Ebene.
    „Die „innere Stimme“ scheint den Moment festhalten zu wollen im unerbittlichen Dahinfließen der Zeit. Immer wieder scheint sie sich gegen die Vergänglichkeit geradezu auzubäumen. Dabei sind die Andeutung, das Skizzierte der Kern des improvisatorischen Stückes: Gerade in den Momenten des Stillstands und der Stille soll für den Hörer eine Ahnung der Geheimnisse hinter den Dingen spürbar werden.“ (Thorsten Encke)
    Die Live-Elektronik ist eine neue Erweiterung der ursprünglichen, rein solistischen Fassung. In der Klangwelt des Programms des heutigen Abends findet sich dieses Element auch bei anderen Werken, sodass die kreativen Möglichkeiten dieser speziellen Form in allen Farben – von der analytischen bis hin zur improvisatorischen – ausgeleuchtet wird.

    © Kari Träder, 2021

Weiterführende Links

Stream Konzert im Rahmen des Klangbrücken Festivals 2021 "Musique Spectrale"

Inner Voice
  • 08.05.21 - 17:00 Uhr,